Ernst Thoms

Ernst Thoms, Plakatentwurf: Ernst Thoms, Plakatentwurf: "Die Provinzgänse", Tuschezeichnung aquarelliert, um 1928, Museum Nienburg/Weser© Museum Nienburg/WeserEs ist bereits viel über Ernst Thoms geschrieben worden. Ein Maler der Neuen Sachlichkeit, ein Landschaftsmaler, ein Künstler immer auf der Suche? Ernst Thoms hat sich sein ganzes Leben (ein wohlgemerkt langes Leben) auf der „künstlerischen" Suche befunden. Seine Eindrücke, sein Leben spiegeln sich in seinen Bildern und seinem Oeuvre wider. „Nur malen, malen und allein sein", so ein Ausspruch des Künstlers.

Ernst Thoms kann als einer der bedeutendsten niedersächsischen Maler des 20. Jahrhunderts angesehen werden. Geboren wurde Thoms am 13. November 1896 in Nienburg. Nach einer Malerlehre meldete er sich 1914 freiwillig als Soldat im Ersten Weltkrieg, in dessen Verlauf er in englische Kriegsgefangenschaft geriet. Das Zeichnen diente auch hier zur Vergangenheitsbewältigung, um die Schrecken des Krieges zu verarbeiten. Nach seiner Rückkehr besuchte Ernst Thoms für kurze Zeit die Kunstgewerbeschule in Hannover. Dadurch entstanden die wichtigsten Kontakte zu anderen Künstlerinnen und Künstlern seiner Zeit, beispielsweise zu Grethe Jürgens, Gerta Overbeck oder Erich Wegener. In dieser politisch und wirtschaftlich schwierigen Zeit verdiente Ernst Thoms seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten als Anstreicher, Werbegraphiker und Bühnenmaler am Opernhaus. Ein interessantes Beispiel ist das Werbeplakat aus den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts. Zeitgleich zog Ernst Thoms in sein legendäres Dachbodenatelier in der Calenberger Straße 23 in Hannover, das mehrfach als Motiv in seinen Bildern Verwendung findet. Durch den Kontakt zu Gleichgesinnten und der Suche nach neuen Ausdrucksformen wendet er sich einer Malweise zu, die später als „Neue Sachlichkeit" bezeichnet wird.

Ernst Thoms, Ernst Thoms, "Husaren", Gouache, 1924, Museum Nienburg/Weser© Museum Nienburg/WeserGeprägt wurde der Begriff „Neue Sachlichkeit" durch die gleichnamige Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle im Jahre 1925. Künstlerinnen und Künstler fanden sich aus den unterschiedlichsten Kunstrichtungen zusammen und entwickelten zum Teil verschiedene Ausprägungen. Allen gemein sind die Abgrenzung vom Expressionismus, eine sachgemäße Wiedergabe des Gegenständlichen, Nüchternheit, alltägliche Themen, statischer Bildaufbau und eine neue Auseinandersetzung mit der Dingwelt.

Die Bilder, die in dieser Schaffensperiode Thoms entstehen, gehören zu den wichtigsten in seinem gesamten Oeuvre. Mit den neusachlichen Bildern „Dachboden" von 1926, das als erstes Bild von der Kestner-Gesellschaft in Hannover angekauft wurde und das sich heute wie auch „Mädchen im Cafe" von 1925 und „Trödelladen" von 1926 im Sprengel-Museum Hannover befindet, kam auch der künstlerische Durchbruch. Dieser Schaffensperiode sind die Bilder des Nienburger Museums wie „Mann mit Handwagen" (1922), „Husaren" (1924) und „Es ist Winter" (um 1928) zuzuordnen.

Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts ist eine Veränderung in der Themenwelt von Ernst Thoms zu beobachten.

Ernst Thoms, Ernst Thoms, "Moorlandschaft", Aquarell, 1945, Museum Nienburg/Weser© Museum Nienburg/WeserSicherlich ist die weitere Entwicklung in den Bildern von Ernst Thoms nicht losgelöst von der politischen Entwicklung in Deutschland und der damit einhergehenden nationalsozialistischen Kulturpolitik zu sehen. Die Landschaft wird bei Thoms ab 1931 zum Hauptthema. Damit einher geht ein Wandel der Malweise: Er wendet sich vom Stil der Neuen Sachlichkeit ab. Auch die Technik verändert sich, zunehmend sind es Aquarelle, mit denen er sein Motiv „die Landschaft" in allen Varianten wiedergibt.

Nach der Zerstörung seiner Wohnung und des Ateliers im Jahre 1943 erfolgt der Umzug in den Landkreis Nienburg. Immer wieder wird der Wohnort Warmsen mit seiner ländlichen Umgebung zum Gegenstand der Bilddarstellung, vielfältig variiert und in unterschiedlichster Perspektive dargestellt. Die Natur ist bei Thoms niemals nur das Abbild, sie wird zum Inbild. Wie er selbst einmal bemerkt, ist hier keine abgemalte Wirklichkeit zu sehen: Die Motive sind aus dem Erlebnis entstandene Bildideen.

Ernst Thoms, Ernst Thoms, "Umzug mit Lampions", Mischtechnik, 1968, Privatbesitz© Museum Nienburg/WeserNach seiner Rückkehr nach Hannover im Jahr 1950 sind es wieder „alte", beziehungsweise „neue" Motive, die seine Bilder prägen. Es sind vor allem die alltäglichen Szenen, Figurengruppen, aber auch Themen aus seiner Heimatstadt Nienburg, beispielsweise der Hafen oder die Brücke über die Weser.

Um die großartige Wirkung in seinen Bildern zu erzielen, kommt er mit immer weniger Mitteln aus. Eine Reduzierung auf das Wesentliche ist zu beobachten: Häuser werden mit wenigen Strichen skizziert, Figuren abstrahiert und in Umrissen dargestellt. Die Bilder leben von Ernst Thoms, Ernst Thoms, "Kinderbild I", 1969, Privatbesitz© Museum Nienburg/Weserden Kompositionselementen: Flächen und Linien, Farben und Formen, dem Rhythmus des Pinsels. Abstraktion bedeutet für ihn als Maler das Weglassen von Nebensächlichem und dadurch das Herausholen von imaginären Wirkungen. Immer mehr wendet er sich ab von der Aquarelltechnik, der Mischtechnik zu.

Aufgrund seiner ungeheuren Schaffenskraft hinterlässt Ernst Thoms ein umfangreiches Werk. Dabei erstaunt immer wieder die Vielfalt seiner Arbeiten. Sind die Ölgemälde auch bei der Dissertation von Detlef Gadesmann bereits aufgenommen, so fehlt doch ein „vollständiges" Werkverzeichnis, vor allem des graphischen Werkes. Aus diesem Grund wird zurzeit im Auftrag des Nienburger Museums ein Werkverzeichnis aller Arbeiten von Ernst Thoms erstellt, die sich im Privatbesitz, im Nachlass und in den Museen befinden.

                                 

Dr. Anke Twachtmann-Schlichter, 2008

Literatur

Ausstellungskatalog: „Der stärkste Ausdruck unserer Tage". Neue Sachlichkeit in Hannover, Sprengel Museum Hannover. Hildesheim 2001.

Ausstellungskatalog: Ernst Thoms, Gedächtnisausstellung zum 100-jährigen Geburtstag (Schriften des Museums Nienburg/Weser, Bd. 15). Nienburg/Weser 1996.

Gadesmann, H.-D., Beschreibender Werkkatalog der Ölbilder von Ernst Thoms, Phil.-Diss. Hamburg 1981.

Gadesmann, H.-D., „Nur malen, malen und allein sein". Ernst Thoms (Historische Schriftenreihe des Landkreises Nienburg/Weser, Sonderband). Nienburg 1991.